Tag 14: Delhi – Neue Eindrücke und alte Erinnerungen

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​Tag 14: – Neue Eindrücke und alte Erinnerungen

Gestern haben wir Bodh Gaya, die bunte Stadt der Bettler, wieder verlassen und uns zu unserem letzten Reiseziel aufgemacht: dem Kinderheim in Delhi. Einer der Reiseteilnehmer hat vor 25 Jahren hier gelebt. Nach einem Vierteljahrhundert saß er gemeinsam mit Norbert Scheiwe auf der Schaukel des alten Kinderheims. Im Alter von ungefähr vier Jahren wurde er von der Polizei aufgegriffen und in das Heim der Holy-Cross Sisters gebracht. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er mit seinen Eltern auf dem Weg vom Land in die Stadt und ist im Gewirr der Mengen verloren gegangen. Seit seinem fünften Lebensjahr lebt er in Deutschland, adoptiert von einem Ärztepaar. Die Räumlichkeiten wiederzusehen hat viele Erinnerungen hervorgebracht. Das frühere Heim dient heute als Inobhutnahme-Stelle für Kinder.

Im Kinderheim sind zurzeit 37 Kinder untergebracht, davon 18 Babys. Das jüngste von ihnen ist gerade einmal 12 Tage alt. Seine Mutter war nicht verheiratet und musste owohl die Schwangerschaft als auch die Geburt geheim halten. Die indische Gesellschaft missbilligt uneheliche Kinder entschieden. Die Mütter kommen oft aus den untersten Kasten und arbeiten als Angestellte oder Dienstmädchen. Nicht selten werden sie in den Häusern misshandelt und vergewaltigt. Viele der Kinder in der Inobhutnahme-Stelle sind domestizierte Sklaven, die verschleppt oder von ihren Familien verkauft wurden. Es trifft nicht nur die niederen Kasten, sie aber besonders hart. Die Mädchen und Jungen gehören zu den Menschen, mit denen auf (internationalen) Märkten gehandelt wird. Aufgabe der Schwestern ist es, die Kinder und Jugendlichen bei der Aufnahme zu versorgen, mit ihnen herauszufinden, wer sie sind, woher sie kommen, was sie erlebt haben und wie sie überhaupt in die Metropolen des Landes gelangt sind.

Das Schlimmste, was die Schwestern einst erlebt haben, war der Fall eines 12jährigen Mädchens. Es wurde in der Nähe einer Metro-Station entdeckt. Man brachte es mitten in der Nacht, nahezu nackt. Männer hatten auf das Kind uriniert. Es stank furchtbar. Das Mädchen war völlig verwahrlost, nicht ansprechbar und ohne jegliche Orientierung. Gut drei Wochen lang hat sie nicht gesprochen. Die Schwestern fanden nur langsam Zugang zu ihr. Wie sie in die Stadt kam, konnte sie nicht mehr erinnern. Die Arbeit der Schwestern lebt von starken Netzwerken. So finden sie heraus, ob Vermisstenanzeigen existieren, ob junge Mädchen – mit Wachstumshormonen behandelt –dem Prostitutionsmarkt zugeführt wurden, wer die Hintermänner oder „nur“ die Täter in den indischen Haushalten waren. Eine der Schwestern ist Juristin. Sie klärt Formales, klagt an, sorgt für eine sichere/anonyme Unterbringung der Opfer und hilf mitunter, neue Identitäten anzunehmen. Um die Rechte der Betroffenen zu stärken, steht sie im engen Kontakt mit Menschenrechtsorganisationen und Kollegen im Ausland